ZEITRAUMZEIT – die zeit ist gleichsam in uns drinnen
Künstlerhaus Wien
4. Oktober – 2. November 2008
www.k-haus.at
Leo Zogmayer – WHY CHINA?
Genf, Galerie Rosa Turetsky und
Genf, pieceunic art contemporain
15. November – 20. Dezember 2008
www.rosaturetsky.com
www.pieceunic.ch
Leo Zogmayer – WHY CHINA? (II)
Saalfelden, Nexus Kunsthalle
13. Februar – 4. April 2009
www.kunsthausnexus.com
Why China?
Seit ihren Anfängen verfuhr die chinesische Kultur ganz anders als die übrige Welt: China schuf keinen Herkunftsmythos, hatte ursprünglich kein Theater, überhaupt keine prägenden Narrative, entwickelte keine theistischen Phantasien, kein dominantes chronologisches Zeitdenken, somit keine Geschichte in unserem Sinn, keine Tradition der Mimesis, keine Ontologie ... Chinesisches Denken und Handeln folgt nicht Ideen und Plänen – sondern orientiert sich an der Wirklichkeit selbst. Man beobachtet die Neigung der Dinge des Lebens und nutzt das Potential der Situation. Jedes Agieren erfolgt in Echtzeit und orientiert sich am aktuellen Stand der Wirklichkeit, nicht an vorgefassten Modellen oder gar Dogmen.
Die dieser Weltsicht entsprechende Zauberformel der Chinesen ist inzwischen auch im Westen als wu wei, 'nichthandelndes Handeln', bekannt, dessen Pointe darin liegt, dass man sich vom Strom der Wirklichkeit tragen lässt, anstatt sich auf Pläne und Konzepte zu versteifen, die ja nie schnell genug an den wirklichen Lauf der Dinge adaptiert werden können. Die vollständige chinesische Form heißt wu wei er wu bu wei – nichts tun, sodass nichts ungetan bleibt! Die daraus resultierende Wirksamkeit ist westlicher Intentionalität und Logistik in vielen Fällen klar überlegen.
Irgendwann fiel mir im Gespräch mit asiatischen Freunden eine zunächst paradox anmutende Affinität auf: China und (moderne) Kunst sind nahe Verwandte: Kunst argumentiert, analysiert nicht – sie zeigt (auf)! Kunst folgt keiner verbindlichen, übergeordneten Grammatik. Im Vergleich zu begrifflichen Diskursen sind ihre Aussagen häufig weich und unscharf. Wie in der chinesischen Sprache! Das Chinesische kennt praktisch keine Syntax, es wirkt offener, spielerischer, fließender als die westlichen Sprachen. Was wir zum Beispiel als ein Ding bezeichnen, heißt im Chinesischen dong xi , rückübersetzt so viel wie Ost-West. Das Ding ist hier kein Gegen-stand mit harten Konturen, der scharf begrenzt ist und an seinen Kanten endet. Es scheint kaum Substanz zu haben. Das Ding, jedes Ding, jeder Aspekt der Wirklichkeit wird eher als Prozess, als Bewegung, als offenes Potential gesehen.
Das verheißt erhöhte Effizienz und – Poesie, selbst für die profanen Momente des Alltags. Chinas Bilddenken ist weich, offen, anschmiegsam. Für den Westen unbegreiflich: im alten China darf Kunst sogar fade sein. Ein Literaturkritiker schrieb: Und wiederum zeigt sich, dass es am allerschwersten ist, ein Gedicht zu verfassen, das flach und fade ist. Das leise, 'fade' Kunstwerk nimmt die Bewegungen des Lebens nicht vorweg. Es gefällt sich nicht in Inszenierungen, die sich vor das Reale stellen, um es zu übertreffen und zu verdecken, es öffnet vielmehr den Blick für das Wirkliche. Ist Kunst nicht grundsätzlich daran zu messen, ob sie die Welt verhüllt – das wäre ihr Scheitern – oder ob sie Leben bloß - frei lässt? Hier treffen sich fernöstliche und westliche Sehweisen.
Why China? Weil Kunst und China gewissermaßen siamesische Zwillinge sind.
PS
Ich behaupte nicht, dass sich die aktuellen Abläufe in China mit meinen Betrachtungen immer decken. Ich verstehe den Topos "China" auch eher als Metapher für eine Haltung, eine Denkweise, die keineswegs auf Ostasien beschränkt ist.
Zudem gefällt mir die überraschende Affinität zwischen chinesischem und künstlerischem (modernem?) Schauen. Es könnte sich als fruchtbar erweisen, einen Blick durch die chinesische Brille zu riskieren, einen "Umweg über China" zu machen, wie der französische Philosoph Francois Jullien es nennt, ehe die Chinesen selber vergessen haben, was sie so beweglich, so produktiv, so gelassen, so ungreifbar und so gerissen sein lässt.
Leo Zogmayer
Pieceunic und Galerie Rosa Turetsky, Genf
15. November – 20. Dezember 2008
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